Reiseerlebnisse


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Auf der Suche nach dem Paradies.

 

...... das Regenwasser rinnt mir bereits einige Stunden, zwischen den Kleidern und der Haut, vom Nacken langsam zu den Fußsohlen. Die Wahrnehmungen verwischen nach über 25 km Fußmarsch auf glitschigem Lehmboden im Hochnebelwald. Baumwurzeln bieten oft den einzigen Halt um sich wieder ein Stück vorwärts zu hangeln. Seit Stunden haben die beiden mich begleitenden Einheimischen und ich keinen Indri-Indri oder auch Babakoto - den größten Lemuren gesehen. Nur deren alles durchdringenden Schrei hören wir etwa 6 km entfernt von der gegenüber liegenden Bergflanke. Ich befinde mich am vierten Tag meiner ersten Madagaskarreise auf dem Rückmarsch aus dem Regenwaldgebiet von Maromiza nach Andasibe. Unbemerkt haben sich Blutegel an meinen Beinen vollgesogen und nun sickert unaufhörlich aus den hinterlassenen kleinen Wunden mein Blut durch die nasse Hose. Sogar beim Filmwechsel züngelt ein gieriger Egel im Kameraspulengehäuse. Endlich erkenne ich in der Dämmerung mein Zelt auf der Urwaldlichtung. Mit klammen Fingern zupfe ich am nassen Reißverschluß um das Zelt zu öffnen. Ich starre ins Innere. Ich scheine etwas nicht richtig zu begreifen. Das Zelt ist leer. Irgend jemand hat mir alles genommen. Ich besitze nur noch die Dinge, die ich am Körper trage. Zweifel und Wut ergreifen mich. Sollte dies wirklich die Insel meiner Träume sein? Ist dies das Land, auf das ich mich jahrelang während meiner Reisevorbereitung gefreut habe? Schönheit, gepaart mit Freundlichkeit und uneigennützige Hilfsbereitschaft, so wurden die Einwohner mir geschildert. Dies darf und kann einfach nicht alles sein! Rückflug? Die Reise muß weitergehen.

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....... einige Tage sind seit Andasibe verstrichen. Inzwischen kleide ich mich wie die Einheimischen mit dem traditionellen Kleidungsstück einer Lamba oany, und habe Massou, einen jungen Mann aus Anafiafy, kennen und schätzen gelernt. Wir unternehmen lange Wanderungen und seit er mich seiner Dorfgemeinschaft vorgestellt hat, lebe ich in einer Palmblattgedeckten Hütte seiner Verwandtschaft.  Wir schlendern über mit Ravenalapalmen bewachsene Hügel. Im Licht der Abendsonne donnern in der Ferne die Wogen des Indischen Ozeans gegen das Korallenriff. Aus einer Talsenke hören wir plötzlich Stimmen. Zwei Dutzend Männer versuchen mit Hilfe von Lianen eine grob behauene Piroge über die Hügel ans Meer zu schleifen. Um mitzuhelfen renne ich bergab. Man ist "aus dem Häuschen". Das Palaver wird immer lebhafter. Endlich weicht ihr Erstaunen über mich, als wir gemeinsam das Boot auf die nächste Hügelkuppe schleppen. Mit dem Coupe-Coupe (Machete) wird an der nächsten Bananenstaude ein Blatt abgeschlagen, um daraus für mich einen Becher zu formen, der schnell mit Betsa-Betsa randvoll gefüllt wird. Die Gruppe führt einen gewaltigen Kanister von diesem Zuckerrohrbier mit sich. Ich trinke und trinke und trinke und bin jetzt wirklich auf die Begleitung von Massou angewiesen. Später übergibt mir mein Freund aus seinem Raffiapalmkörbchen eine riesige Kaurimuschel - ein persönliches Geschenk. Vollends sprachlos bin ich, wie er mir noch ein selbstgeschriebenes Wörterbuch mit 150 Vokabeln dazu legt. - Bin ich schon im Paradies, das ich suche?

 

 

 

........ 70 km bin ich bereits in den vergangenen beiden Tagen mit meinem von den Einheimischen geliehenen Einbaum in Westmadagaskar auf dem Mahajilo flußab unterwegs. Ich bin allein. Keinem Menschen bin ich heute begegnet. Beim Erreichen des breiteren Tsiribihina werde ich von der blutroten Strömung erfaßt und mitgerissen. Der Fluß verfrachtet die wertvolle Erde ins Meer. Gestern mußte ich mehrmals die Piroge verlassen, um das Boot durch die seichten Flußpassagen zu ziehen. Jetzt sind diese Anstrengungen vergessen. Die Sonne steht schräg, wo werde ich die nahende Nacht verbringen? So wie gestern auf einer Sandbank? Mir fällt die Geschichte von den beiden Frauen ein, die vor kurzem an diesem Gewässer von Krokodilen gefressen wurden. Das Gebirge verengt das Flußbett zur Schlucht. Plötzlich sprudelt ein klarer Bach aus dem Urwald. Ich glaube zu träumen, als ich dem Gewässer zu Fuß eine kurze Wegstrecke folge. Ein Atrium, eine Arena aus senkrechten Felswänden tut sich vor mir auf. Das Wasser rauscht in Kaskaden über die Felswände in allen nur erdenklichen grün-türkis Nuancen in ein Naturschwimmbecken. Moose, Bromelien und Farne hängen und klammern sich an Felsen und Baumstämme. Ich sinke vor dieser Kulisse zu meinem Gepäck auf einer Felsplatte nieder. Langsam überkommt mich die Müdigkeit, nachdem schlagartig die Dunkelheit über mich hereinbricht. Die Zankereien der Halbaffen in den Hinzibaumwipfeln über mir sind beigelegt. Das Licht des Vollmonds erzeugt eine unwirkliche Szenerie, in der die nachtaktiven Flughunde fast lautlos umhersegeln.

 

......... war es Eugenie, Justine und Rosina? Oder war Marie Adeline und Claire dabei? Ihre Namen habe ich vergessen, aber nicht ihre ausdrucksvollen Gesichter. Einige Tage lebe ich in einem Fischerdorf der Vezo am Kanal von Mozambique. Der einzige Weiße bin ich auch hier. In die smaragdblauen Priele blinzelnd, liege ich im feinen rosa Korallensand. Augenblicklich herrscht Ebbe und die Spielzeugauslegerboote der Kinder flitzen nur so über das Wasser, als drei Mädchen auf mich zukommen. Ihren Wünschen nach kleinen Geschenken komme ich aus Prinzip nicht nach. Ich als Vazaha muß für sie in ihren Augen immer etwas übrig haben. Sie willigen in ein Geschäft ein, welches ich ihnen vorschlage. Schreibhefte und Bleistifte möchten sie und ich würde gern ein Lied von ihnen hören. Man faßt mich an den Händen und während ich an den Rand des Meeres gezogen werde, beginnt man zu singen. Die Schreibutensilien erstehe ich in der winzigen Dorf-Epicerie. Alle sind wir zufrieden, es fand keine entwürdigende Bettelei oder barmherzige Almosenvergabe statt. Zusammen schauen wir glücklich der feurig im Meer versinkenden Sonne nach, bis sich der Tropenhimmel violett färbt. Zeilen eines von einem Freund übersetzten madagassischen Gedichts fallen mir dabei ein:

Die Fischer der Vezo mit ihrem schlanken Einbaum,
Donnernde Meereswogen durchschneidend
Wo auch die Nacht Dich erreicht,
Du bist willkommener Gast in der ersten Hütte des Dorfes.
Dir zum Willkomm: Gesänge, Tänze und Spiele!-
friedliche Tage - und süße, wonnige Nächte!

 

 

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